Feiertagsfreuden im Königreich Jeonju Pt. I
Tatsächlich bin ich leider doch viel später wieder zum Schreiben gekommen, als ich mir vorgenommen habe. Inzwischen sind die Tage meines zweiten Monats hier auch beinahe gezählt. Trotzdem möchte ich dieses Mal chronologisch weiter erzählen und deswegen reisen wir ein kleines Stück in der Zeit zurück bis Mitte September.
Zwei Wochen nachdem die Uni angefangen hatte, stand nämlich schon die größte Feiertagszeit in Korea an: 추석 oder Chuseok. Diese Feiertage werden nach dem Mondkalender bestimmt und finden immer am 15 Tag des 8 Monats statt. Dieses Jahr fielen sie auf das Wochenende zwischen dem 09. und 12. September. Dazu hat man hier am Freitag zuvor und am Montag nach dem Wochenende ebenfalls frei.
Chuseok würde ich als Erntedank- und Erinnerungsfest beschreiben. Ähnlich wie Weihnachten, ist es eine Zeit, die mit der Familie und sehr viel Essen verbracht wird. Allerdings gibt es keine so ausgeprägte Vor-Chuseok-Zeit, wie wir unsere Vorweihnachtszeit begehen. Chuseok fällt immer auf einen Tag mit Vollmond. Warum das so ist, erkläre ich etwas später.
Zunächst ein grober Ablaufplan und ein paar Phänomene rund um Chuseok. Das erste, was einem vor den Feiertagen auffällt ist, dass überall Geschenkesets verkauft werden. Es wird als vermeindlich freiwillige, aber gesellschaftlich erwartete Geste empfunden, wenn man zu Chuseok nach Hause kommt etwas mitzubringen. Diese Geschenkesets bestehen aus vielerlei Dingen und sind in den letzten Jahren auch immer extravaganter geworden. Typisch ist ein Korb voll Obst und teure Ginseng-Wurzel, oft auch in Tee- oder Pulverform. Inzwischen werden aber auch Sets aus Pflegeprodukten oder anderen Nahrungsmitteln und Spam (Ja, genau. Das Dosenfleisch.) verschenkt (giftset chuseok – Google Suche).
Das nächste Phänomen tritt kurz vor den Feiertagen auf: volle Autobahnen, Stau in allen Städten und man bekommt kein einziges Zugticket mehr, wenn man nicht Wochen voraus gebucht hat. Menschen fahren nach Hause und erledigen die letzten Einkäufe für frisch zubereitete (oder gekaufte) Speisen.
Dann beginnt das dreitägige Fest. Vorweggenommen sei hier, dass sich auch in Korea die Zeiten ändern. Heutzutage verbringen viele Menschen nur einen Tag mit ihrer Familie und fahren dann in den Urlaub oder nutzen die kompletten Feiertage für eine Auszeit. Die Traditionen schreiben allerdings einen anderen ablaufplan vor. Dazu zählen drei verschiedene Rituale. Das wichtigste von allen heißt 차레 (Cha-le). Dabei handelt es sich um eine Andenkens-Ritual für vor allem nahestehende Vorfahren. Speisen und Nahrungsmittel werden vorbereitet und in mehr oder weniger strikter Weise auf einem niedrigen Tisch angeordnet.
Dann verbeugt man sich zweimal für die Verstorbenen Personen und einmal für die Lebenden. Die Verbeugung besteht darin sich auf den Boden zu knien und dann mit der Stirn kurz den Boden zu berühren. Damit bietet man seinen Vorfahren symbolischer Weise ihre liebsten Speisen an. Schließlich werden diese oder separat vorbereitete Speisen im Familienkreis gegessen. Oft findet das Ritual früh morgens statt.
Ganz traditionell werden am Tag vor Chuseok die Gräber von Vorfahren, ähnlich wie bei uns zum Totensonntag, besucht und hergerichtet. Am Tag nach Chuseok wird sich dort ebenfalls nochmal vor den Vorfahren verbeugt. Alle Familien begehen Chuseok jedoch unterschiedlich und, wie ich bereits erwähnt habe folgen manche diesen Traditionen nur noch in einer eher symbolischen Art und Weise.
Erinnert ihr euch noch an den Vollmond, von dem die Rede war? Hier auf der anderen Seite der Erdkugel sieht man nicht den Mann im Mond, sondern mit etwas Fantasie einen Hasen, der Reiskuchen macht (rabbit moon – Google Suche). Natürlich rankt sich um diesen Hase eine Legende. In den asiatischen Ländern werden unterschiedliche Versionen dieser, aus dem Buddhismus stammenden Geschichte erzählt. In Korea ist folgende Version die verbreitetste:
Fuchs, Affe und Hase waren alle drei ergebene Novizen des Buddhismus. Eines Tages möchte der Herrscher des Himmels jedoch ihren Glauben testen. Er verkleidet sich als armer Bettler und bittet die Tiere um etwas zu Essen. Alle drei Tiere schwärmen aus, um ihm etwas zu Essen zu geben. Der Fuchs bringt Fisch. Der Affe bringt Obst. Der Hase bringt jedoch lediglich Gras. Als er feststellt, dass seine Gaben im Gegensatz zu denen der anderen Tiere sehr spärlich wirken, zündet er das gebrachte Gras an und springt ins Feuer, um sich schließlich selbst als Gabe anzubieten. Der Herrscher des Himmels, tief berührt von der Selbstaufopferung des Hasen bestimmt diesen schließlich zum Hüter des Mondes.
Der Hase im Mond wird als Symbol für Fruchtbarkeit, Langlebigkeit und Ernte angesehen. Damit gibt er auch dem an Vollmond stattfindenden Chuseok seine Bedeutung als Erntedankfest. Vor allem, die Reiskuchen, die der Hase im Mond zubereitet werden als Zeichen guter Ernte, sowie guter Glückwünsche und Träume gesehen und sind dementsprechend auch eines der typischen Süßigkeiten, die man zu Chuseok überall findet.
Reiskuchen mit Sesamöl-Füllung
So, jetzt ist die für einige vielleicht etwas langweilige Kulturwissenschaftsstunde um ^^ Meine Freundin und ich haben nämlich die Feiertage selber genutzt, um einen kleinen Ausflug nach Jeonju zu machen.
Jeonju liegt ca. eineinhalb Stunden von Daejeon mit dem Bus entfernt und ist bekannt für seine historische Altstadt, welche aus traditionellen koreanischen Häusern, den 한옥 (Hanok) besteht.
Hanok-Village von oben
Papa, bau mir so ein Häuschen zu Hause! 😉
In den vier Tagen, die wir dort verbracht haben, ist mir auch diese "kleiner" Stadt ans Herz gewachsen. Auf ins Feiertagsgetümmel!
Unsere erste Anlaufstelle war gleich ein traditionelles Teehaus, um uns von der anstrengenden Busreise zu erholen. Dieses Teehaus habe ich auch ein weiteres Mal alleine besucht und es ist mir bis jetzt immer noch im Kopf geblieben. Wir konnten dort in einer ruhigen und friedlichen Atmosphäre sehr leckere Getränke und ein Bingsu (Erinnert ihr euch? Das sind ein Haufen geraspelte Eisflocken 😉) zu zweit genießen.
Als nächstes machten wir uns am Nachmittag auf zum Deokjin Park. Das Herzstück dieses Parks ist ein See bedeckt mit Lotusblüten. Leider haben wird die Blütezeit knapp verpasst, weshalb uns nur ein Meer aus grünen Blättern erwartete. Trotzdem ein unwahrscheinlich schöner Anblick.
In der Mitte des Sees auf einer Insel befindet sich, in einem nach traditioneller Bauweise erbaute Haus, eine Bibliothek. Den See kann man auf schattigen Wegen umrunden und Zwischenstopps an kleinen Pavillons, einem Waldspielplatz und verschiedenen anderen Stationen einlegen. Wir beide waren uns allerdings einig, dass wir Deokjin Park nächstes Jahr im August zur Blütezeit ein weiteres Mal besuchen werden.
Hier werden eine Pansori-Sängerin und ihre Begleitung in Form eines "Trommlers" abgebildet. Pansori ist eine Art koreanische traditionelle Oper. Die Gesangstechnik ist sehr kompliziert und muss über Jahre gelernt werden. Ich muss auch zugeben, für westlich geprägte Gehöre ist Pansori gewöhnungsbedürftig, vor allem, da in Korea uns fremde Rhythmen verwendet werden.
Den Abend ließen wir mit einem guten Essen und einer kleinen Shopping-Tour ausklingen. Auf unseren Wegen begegneten mir wieder einmal viele kleine Dinge, die mich für einen Moment schmunzeln ließen, wenn man sie lässt :)
Am nächsten Tag fiel unsere Entscheidung nach kurzem Abschätzen des Wetters auf eine weitere Erfahrung, die man in Korea meiner Meinung nach zumindest einmal gemacht haben muss. Ich war zunächst etwas skeptisch, um ehrlich zu sein. Da es aber zu Chuseok und vor allem im Hanok-Viertel Tradition ist, folgte ich schließlich meiner Freundin in einen der vielen Läden, in dem man sich Hanbok ausleihen kann. Aus diesem Grund habt ihr nun auch die Ehre, jemanden hochwohlgeborenen und ehrwürdigen kennenzulernen.
Darf ich vorstellen: Königin Michelle I.
Derzeit regiert sie über das Hanok-Viertel und ja, alle sollten sich schleunigst sehr tief verbeugen!
Sie erweist jedem von euch heute die Ehre, sie selbst auf ihrem Rundgang durch ihr Königinnenreich zu begleiten:
Königin Michelle, in ihrem 한복 (Hanbok, eine traditionelle koreanische Kleidung. Königin Michelle trägt natürlich nur die feinsten Stoffe, angemessen für eine Adlige, während ihr Volk sich meist in eher einfach Farben und weniger aufwendige Designs kleidet). Hier Herzen aussendend...
...Omokdae präsentierend...
...die Natur genießend...
...auf einem Spaziergang...
...Kim Jong-un grüßend...
...Sonne tankend...
...den Wasserstand prüfend...
...Körper und Geist stärkend...
...die Frisur richtend...
...ihre vertraute Freundin Königin Laura treffend...
...Blumen bestaunend!
Nach diesem langen Rundgang durch ihr Hanok-Viertel war Königin Michelle I. nun sehr erschöpft und zog es vor sich für ihre Mittagsruhe zurück zu ziehen. Aus diesem Grund trennen sich unsere Wege hier wieder.
Also sagt auf Wiedersehen...
...und verbeugt euch nochmal sehr tief!
Tja, jetzt müsst ihr wieder Vorliebe mit mir nehmen. Aber euch sei eine Pause gegönnt. Die Erkundungstour durch Jeonju wird beim nächsten Mal fortgesetzt.
Bis dahin!


Kommentare
Kommentar veröffentlichen