Facettenreiche City-S(e)oul Pt. I

Ich bin heute in das erste Café, welches ich hier besucht habe zurückgekehrt und beobachte eine der vielen rastlosen Straßen Seouls. Heute regnet es leicht und Scharren an bunten Regenschirmen ziehen auf den Fußwegen vorbei.


Der letzte Vormittag, den ich vorerst in der Hauptstadt verbringen werde ist angebrochen und um 16.00 Uhr geht mein KTX (zu Deutsch ICE) in Richtung Daejeon. Das bedeutet, der Urlaub ist vorbei und ab Donnerstag beginnt das ernsthafte Studieren. Aber ich kann auch wirklich auf eine interessante und erlebnisreiche Woche zurückblicken. Zwei Dinge sind klar: ich bin seit zwei Jahren Corona nicht mehr so viel gelaufen und mein Körper wurde ebenso lang nicht mehr mit so vielen physischen und mentalen Reizen konfrontiert. Es war eine erschöpfende, aber gleichzeitig so belebende Woche.

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So, bevor ich weiter berichte kommt heute die erste kleine Lektion in Koreanisch für alle Bloglesenden 😁 Kein Angst, ihr werdet nicht gleich am Anfang überfordert, aber ich muss ja alle an meinem Sprachfortschritt teilhaben lassen!

Das Wort "Tag" auf Koreanisch sieht so aus: 일. Ausgesprochen wird es so: "il". Wenn ihr also im Folgenden so etwas seht: "1일", dann bedeutet das "Tag 1".

Zusätzlich noch als kurze Erklärung zum Wortspiel im Titel. Die Hauptstadt Südkoreas wird in deutscher Umschrift als Seoul geschrieben. Die koreanische Version sieht so aus: 서울 und wird wie das englische Wort "soul", also Seele ausgesprochen.

Lektion 1 abgeschlossen!

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1일, 22.08.2022

Mein erster Tag in Seoul war tatsächlich etwas holprig. Nachdem ich meinen Weg vom Flughafen in die Nähe meines Zimmers gefunden hatte, entschied mein Körper, dass es doch etwas viel für ihn gewesen war und ich hatte ein bisschen mit Kreislaufproblemen und vor allem Appetitlosigkeit zu kämpfen. Glücklicherweise konnte ich mich gemeinsam mit einer anderen Studentin aus Erfurt, die einen Tag eher in Seoul angekommen war, ablenken. Wir entschieden am Nachmittag schonmal etwas die Gegend unserer Unterkünfte (Mapo-gu) in Seoul zu erkunden und liefen in die Nähe des großen Flusses Hangang.
Am Abend fanden wir uns in Hong-dae wieder, eines der hippen Partyviertel, Straßenperformances und einer verschwimmenden Menge an Menschen und Lichtern inklusive.
Dort wartete die erste Herausforderung bei der Futtersuche auf uns. Ich war zwar schon vorgewarnt worden, aber KoreanerInnen lieben Fleisch in allen essbaren und (meiner Meinung nach) nicht genießbaren Formen. Wir können zwar beide Koreanisch lesen, aber lesen bedeutet leider nicht gleich verstehen. Trotzdem haben wir an diesem Abend noch etwas in unsere Mägen bekommen.

Kimchi-Pfannkuchen und kalte Nudelsuppe

Ob das nun ganz vegetarisch war, bleibt bis heute jedoch ungewiss😂

Schließlich kehrten wir jeweils wieder in unsere Zimmer zurück, wo ich jedoch meiner Aufregung und vermutlich dem Jetlag und nicht der erwarteten Müdigkeit erlag und mich bis 4 Uhr morgens in meinem Bett von rechts nach links drehte, bis ich schließlich einschlief.


2일, 23.08.2022

Überraschend wach, jedoch mit sehr wenig Schlaf machte ich mich bereits halb neun auf den Weg in ein Gesundheitszentrum, um den verpflichtenden PCR-Test zu machen. Das lief glücklicherweise reibungsloser, als ich erwartet hatte und bereits halb zehn, war ich nun vollkommen frei Seoul zu erkunden.

Ich hatte mich wieder mit meiner deutschen Kommilitonin verabredet. Weil das Wetter so gut mitspielte, entschieden wir uns spontan doch aus Seoul raus an die Küsten vor Incheon an den Strand zu fahren. Das hatte ich mich zuvor auch nicht erträumt, dass ich kaum in Korea angekommen am Strand liegen würde.

Wir fuhren bis zum Eurwangi Beach. Es war wirklich eine sehr schöne Stranderfahrung mit Sonne, Sand, Muscheln und überraschend warmen Pazifikwasser. Ich lernte auch, dass KoreanerInnen anscheinend der Sonnencreme nicht vertrauen und lieber komplett bekleidet ins Wasser gehen, um sich vor UV-Strahlung zu schützen. Wir zwei Mädels, waren im Vergleich wirklich "leicht bekleidet".





Nach zwei Stunden machten wir uns zu Fuß auf den Weg über die bewaldete und bergige Küste entlang zum nächsten Strand. Diese kleine Wanderung war für mich persönlich das Highlight des Tages. Ich konnte vermutlich das erste Mal richtig durchatmen und meinen weiten Standortwechsel langsam realisieren. Außerdem wurde ich immer wieder von der ordentlichen und sauberen Umwelt, sowohl städtisch, als auch in der Natur, Südkoreas überrascht. Für diese kleinen Moment, war das Leben trotz aller Sorgen, die mich teilweise zwischendurch überwältigten, einfach perfekt.




Am anderen Strand angekommen, erklommen wir einen kleinen Aussichtturm. Oben angekommen wurden wir direkt von einem älteren koreanischen Ehepaar auf Koreanisch angesprochen. Der ältere Herr drückte uns beiden sofort Schnitzen der Pflaume in die Hand, die er gerade aß und die nächsten 15 Minuten wurden wir mit süßen Reiskuchen und Nektarine versorgt, während eine mehr oder weniger erfolgreiche Konversationen mit Händen und Füßen, sowie englischen und koreanischen Worten folgte. Es war eine unsichere, aber überraschende Erfahrung so unverfroren angesprochen und lieb behandelt zu werden. Das Ergebnis unserer Verständnisversuche brachte meine Freundin und mich schließlich noch richtig zum Lachen und lauteten wie folgt: Wir beide wären sehr hübsch, wie Engel, die vom Himmel gekommen wären 😉

Nachdem wir schließlich mit Bus und Bahn wieder in Seoul angekommen waren, trafen wir uns ein weiteres Mal in Hong-dae und ließen den Abend erneut mit Straßenperformances und bunten Lichtern ausklingen.


Diese Nacht schlief ich um einiges besser.


3일, 24.08.2022

Nachdem ich nun das erste Mal richtig ausschlafen konnte, machte ich mich auf in eines der reichsten Viertel Seouls: Gangnam. Einigen von euch ist dieser Ort vielleicht noch bekannt aus Psy's Titel "Gangnam Style" (2012). In diesem Viertel befinden sich auch die größten und teuersten Kaufhäuser Seouls, darunter die Lotte World Mall, die Hyundai Mall und die COEX Mall.

Allerdings ging es zunächst zum Olympia Park, welcher 1988 für die Olympischen Spiele in Südkorea genutzt worden war. Dort fand ich unter zahlreichen anderen Flaggen auch zwei deutsche.



Anschließend schlenderte ich mit meiner Erfurter Freundin schließlich durch zahlreiche Stockwerke des verschiedensten Malls. Die Größe dieser Kaufhäuser ist zweifelsfrei beeindruckend und einem wird plötzlich die Bedeutung von Konsum in Südkorea bewusster, den diese scheint wahrnehmbar größer zu sein, als bspw. in Deutschland (zumindest in meinem Umfeld).

Blick aus der Lotte World Mall

Ein persönliches Highlight für mich an diesem Tag war jedoch der Besuch der COEX Mall. Denn dieses Kaufhaus hat eine Besonderheit. In ihrem Kern befindet sich eine riesige Bibliothek mit Bücherregalen dies ich über viele Meter nach oben bis zu Decke erstrecken. Man kann sich die Bücher sogar ausleihen und an zahlreichen zu Verfügung stehenden Arbeitsplätzen schmökern.



Eine weitere Besonderheit ist der große Werbebildschirm an der Seite der COEX Mall, über welchen Werbung für Autos und die aktuellsten K-Pop Alben läuft, teilweise sogar mit 3D-Effekten. Schon beeindruckend, aber für mich irgendwo auch fragwürdig, wie viel doch tatsächlich für Werbezwecke umgesetzt wird.



Nach einem kurzen Stopp in einem Café, wo ich ein zwar leckeres, aber sehr buttriges Croissant mit süßer, roter Bohnenpaste verspeiste, ging es mit dem Bus zu einer der bekanntesten Brücken in Seoul, der Banpo Bridge.

Ja, das sind zwei 5 mm dicke Scheiben Butter. Ich habe aber geschummelt und sie runtergenommen 😅

Diese Brücke ist für ihre Regenbogen-Fontänen-Show bekannt, die man vor allem bei Nacht am besten genießen kann. Insgesamt war der Besuch der Brücke mein zweites Highlight des Tages, welches vom schönen Sonnenuntergang und der Aussicht über die Seite Seouls jenseits des Hangang Flusses noch verbessert wurde.






4일, 25.08.2022

Auch der vierte Tag war vor allem wieder abwechslungs- und kilometerreich. Mit diesen zwei Worten lässt sich leicht beschreiben, wie meine Woche in Seoul gewesen ist. Heute ging es nach einem kurzen Spaziergang durch ein weiteres bekanntes Viertel namens Myeong-dong, entlang eines Bachs zum Gwangjang Market. Einige fragen sich jetzt vielleicht, wie man in Seoul etwas findet, was man als Bach bezeichnen kann. Um das zu erklären, stelle ich euch wohl einer meiner liebsten Plätze in Seoul vor: den Cheonggyecheon.

Ich war sehr überraschte so eine kleine, ruhige, grüne und tierisch belebte Oase inmitten des Hochhausdschungels von Seoul zu finden. Der Cheonggyecheon schlängelt sich knapp 11 km durch Seoul und ist an vielen Stellen zwischen stark befahrenen Straßen so tief gelegen, dass der Stadtlärm verschwindet. Der Bachlauf wurde in einem teurem städtischen Aufbauprojekt gestaltet, nachdem er jahrelang unter Straßen begraben lag. Trotz, dass es viel Kritik darüber gegen hat muss ich persönlich sagen, dass diese Oase Seoul für mich viel zugänglicher und attraktiver gemacht hat. Im Folgenden ein paar Eindrücke, die aber leider kaum vermitteln, wie entspannend es war am Ufer flanieren zu gehen.



Von der Ruhe des Bachlaufs, ging es direkt in den Trubel der Gwangjang Markthallen. Ein Markt, in dem man alles, was das Herz begehrt in 50 verschiedenen Versionen an 20 verschiedenen Ständen erwerben kann. Außerdem kann man sich gut und gerne durch alle möglichen koreanischen Spezialitäten essen, wie ich gemeinsam mit meinen inzwischen zwei Freundinnen aus Erfurt auch sogleich tat.



Es gab Bibimbab (Reis gemischt mit verschiedenen Zutaten), Dumplings und Suppe mit Paste aus Sojabohnen und Grünkohl.

Dann trennten sich unsere Wege allerdings wieder und ich macht mich allein auf zu meinem Nachmittagsprogramm. Ein Besuch im HYBE insight Museum, womit die meisten vermutlich nicht wirklich etwas anfangen können, weshalb ich kurz zusammenfasse.


HYBE Entertainment zählt inzwischen zu einem der bekanntesten Musikentertainments in Korea, neben den alteingesessenen großen drei JYP, SM und YG. Koreanische Musik oder eher bekannt als K-Pop ist eines der kulturell größten Exporte Koreas und zählt zusammen mit dem visuellen Äquivalent der K-Dramen zu einem der Pfeiler der koreanischen Wirtschaft. Demnach haben K-Pop und die Künstler dahinter, sogenannten Idols, einen sehr präsenteren Stellenwert im koreanischen Alltag, als die Musiker und Schauspieler in Deutschland haben. Man begegnet bekannten Gesichtern ständig auf Plakaten in der U-Bahn, in Werbespots an den Straßenecken und in der Playlist vieler Läden. Das Schaffen koreanischer Pop-Musik ist eher als Produktion im wahrsten Sinne des Kapitalismus zu verstehen und wird oft einfach als K-Pop-Industrie bezeichnet. (Ich möchte kurz anmerken, dass man hier eine ellenlange Diskussion über viele Themen, wie Kunstgerechtigkeit und menschliche Behandlung eröffnen könnte, die ich jetzt bewusst auslasse für alle, die dieser Exkurs sowieso schon etwas langweilt.)

Um den wirtschaftlichen Erfolg bieten zu können, steht allerdings hinter jeder Band und jedem Künstler fast immer ein Entertainment, welches oft auch die Strippen der Karriere eines jeden Künstlers zieht. Ohne ein Trainee-Programm eines Entertainments durchlaufen zu haben, ist es in Korea geradezu unmöglich als MusikerIn groß rauszukommen. Ein Beispiel für eine Gruppe, die es geschafft hat erfolgreicher zu sein, als jede koreanische Gruppe zuvor ist vielleicht einigen von euch ein Begriff. BTS, kurz für Bangtan Sonyeondan, sind seit ihrem Debüt 2013 inzwischen die erste K-Pop Gruppe, die 2021 für einen Grammy nominiert wurde, was leider in unserer sehr US-amerikanisch geprägten Musikwelt sehr viel bedeutet.

Um den Kreis meiner Erklärungen jetzt zu schließen, HYBE Entertainment ist das Entertainment hinter BTS und vielen anderen Künstlern und bietet in seinem Museum HYBE insight einen kleinen Einblick in den Entstehungsweg der Musik, die von den Mitarbeitern und den Idols produziert und performt wird. Das Museum ist interaktiv, wenn auch sparsam gestaltet, mit wechselnden Sonderausstellungen. Ich empfehle es wirklich für jeden, der mal ein bisschen in die Oberfläche der Industrie reinschauen möchte. Wer jedoch gar kein Interesse an dieser Musik und den Künstlern unter HYBE hat, der kann seine Zeit definitiv an einem der vielen anderen Orte, die Seoul zu bieten hat verbringen. Es folgen ein paar Eindrücke...








Nach meinem Besuch, war der Tag allerdings lange nicht zu Ende. Ich fand mich mit einer der anderen Studentinnen, pünktlich zum Sonnenuntergang auf dem Naksan Mountain wieder. Hierbei sollte erwähnt werden, dass Seoul praktisch zwischen ganz vielen kleinen und großen Bergen liegt, die ab einer bestimmten Höhe nicht mehr bebaut worden sind, sondern einfach nur von grünen Bäumen überzogen neben den Häusern und Straßen Seouls ruhen. Ein weiterer Teil Seouls, der mich fasziniert hat, den ich nicht erwartet hatte und den ich absolut lieben gelernt habe. Man findet mitten in der Großstadt einfach immer wieder Natur. Wanderwege, Bäche und Flüsse, Wald und Parks. Wenn einem die Stadt zu viel wird ist man im Handumdrehen in einer beruhigenden, natürlichen Umgebung.




So, ich habe bemerkt, dass es vielleicht doch entspannter für alle ist, wenn ich hier Seoul Pt. I beende und von meinen restlichen Tagen voller Erlebnisse im nächsten Post berichte. Bis dahin, bleibt alle gesund und haltet die Ohren steif in Deutschland!

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